Eine kleine Weihnachtsgeschichte
Lila Kugeln

„Meinst Du, wir sind hier richtig?“

„Laut meinen Informationen schon!“

„Aber hier gibt’s nichts, nur Schnee, Bäume und diese seltsame Blockhütte hier und ringsherum kilometerweise keine Zivilisation. Vielleicht haben wir Glück und es kommt noch ein Elch vorbei.“

Michael verdrehte die Augen: „Jetzt klopf schon. Du siehst doch, dass Rauch aus dem Schornstein kommt. Der ist zu Hause!“

„Na schön!“ John atmete tief durch und klopfte vorsichtig an die schwere, hölzerne Tür.

Drinnen begann es zu rumpeln und dann nährten sich langsam massive Schritte, bis ein großer und gewichtiger Mann die Tür öffnete. Sein weißes Haar wuschelte wild durcheinander und die farblich passende Unterwäsche, die er trug, war an vielen Stellen schon löchrig und fleckig geworden.

„Ja, was gibt’s?“ fragte der Mann mit tiefer Stimme.

„Sind Sie Herr Claus …?“, fragte Michael vorsichtig.

„Ja, bin ich: Claus, Santa Claus. Aber wer will das wissen?“

„Mein Name ist Robinson und das hier ist Herr Miller. Dürfen wir kurz reinkommen?“

„Wenn’s sein muss.“ Der Mann schlürfte wieder zurück ins Haus und ließ sich auf sein Bett fallen, das unter seinem Gewicht ächzte.

Michael und John traten vorsichtig ein und schlossen die Tür hinter sich. Das spärliche Kerzenlicht im Raum ließ den wirklichen Zustand des Hauses nur erahnen, aber trotzdem jagten das Chaos an herumliegenden Dingen aller Art und die darauf befindlichen Staubschichten einen kalten Schauer über Johns Rücken.

„Wollen Sie sich kurz um- oder anziehen?“, fragte Michael vorsichtig.

„Ich wohne hier und wie ich in meinem Haus rumlaufe, geht Euch überhaupt nichts an.“ Santa Claus rührte sich keinen Millimeter.

John holte tief Luft: „Herr Claus: Morgen ist bereits der 24. Dezember. Heiligabend. Sie haben die bestellten Geschenke immer noch nicht zur Auslieferung abgeholt. Die Lagerhäuser sind voll und Sie werden das vermutlich alles gar nicht mehr rechtzeitig schaffen können.“

„Wer hat Euch beiden Figuren eigentlich zu mir geschickt?“

„Wir kommen von einem großen Online-Handelshaus, das international …“

Santa Claus schnitt John das Wort ab: „Ja, schon klar. Ich habe dieses Jahr eine Botschaft für Euch: Ich habe keinen Bock!“

Michael runzelte die Stirn: „Keinen Bock? Wenn Sie die Bestellungen nicht rechtzeitig ausliefern, bekommen wir jede Menge Reklamationen und Stornierungen und wir verlieren wahrscheinlich eine nicht unerhebliche Zahl an Kunden.“

„Das ist mir so was von schnurz. Jedes Jahr kommt Ihr mir mit noch mehr Ware, noch mehr Geschenke, die auch noch immer schwerer werden. Ganz zu schweigen von Terminen und Bewertungen und dem ganzen Blödsinn. Und dann soll ich den Plunder auch noch von Haus zu Haus schleppen und hole mir nebenbei noch Corona. Lasst mich bloß in Ruhe!“

„Ja aber …“ John kam wiederum nicht zu Wort.

„Was ist denn aus dem besinnlichen Weihnachtsfest von früher geworden. Die Kinder freuten sich über jede Kleinigkeit und haben mit leuchtenden Augen ihre Geschenke ausgepackt. Aber heutzutage? Letztes Jahr habe ich einen Haufen Beschwerdebriefe bekommen, weil sich die Geschenke zum Teil nicht richtig mit dem WLAN verbunden haben. Also wenn Ihr das Zeug loswerden wollt. Warum fahrt Ihr es nicht selbst aus. Der Schlitten und die Renntiere sind hinten im Stall. Wenn Ihr wollt, könnt Ihr sogar meine Klamotten haben und einen weißen Bart zum Ankleben werdet Ihr doch wohl noch in Euerem Sortiment haben, oder nicht?“

„Aber das doch Ihre Aufgabe, Santa Claus. Außerdem würden wir den Weg nicht finden und alles falsch ausliefern.“

„Mann, das ist ja nicht zum Aushalten.“ Santa Claus stemmte sich mühevoll nach oben, bis er auf der Bettkante saß: „Was glaubt Ihr Schnelldenker denn, warum Rudolphs Nase rot ist, he?“

Michael und John sahen sich an, zuckten aber nur mit den Schultern.

„Das ist ne GPS-Antenne. Der findet den Weg ganz alleine. Und nun verschwindet, ich will schlafen.“ Santa ließ sich wieder auf die Matratze zurückfallen.

„Und was ist mit der kleinen Lisa aus Kufstein?“ Michael zog einen zusammengefalteten Zettel aus seiner Manteltasche: Ich habe hier einen Brief von ihr, den sie an uns geschrieben hat, weil sie keine Adresse von Ihnen hatte: „Lieber Santa Claus. Leider bin ich immer noch sehr krank. Ich wünsche mir, dass ich bald wieder gesund werde und dass Du meiner Mama, die immer so viel Arbeit mit mir hat, zu Weihnachten ein schönes Geschenk bringst, vielleicht etwas neues zum Anziehen oder Schokolade. Du wirst bestimmt etwas schönes finden. Den Teddy, den Du mir letztes Jahr gebracht hast, ist immer bei mir und mein bester Freund. Also hab vielen Dank Santa Claus und ich stelle Dir auch wieder leckere Kekse und Milch auf den Wohnzimmertisch.“

„Ja, ja, die kleine Lisa. Die ist schon tapfer die kleine.“, murmelte Santa Claus leise.

Aber Michael ließ nicht locker: „Hier ist noch ein Brief vom kleinen Erik aus Göteborg: „Hallo Santa Claus …“

„Ist ja schon gut!“ Santa Claus hievte sich aus dem Bett: „Ich kenne den kleinen Erik und auch seine rührende Geschichte. Was will er denn haben?“

„Einen Fußball. Er ist wieder ganz gesund!“

„Das freut mich zu hören. Wartet einen kleinen Moment hier, ich ziehe mich nur schnell um.“

Santa Claus verschwand ins Nebenzimmer und kam nur wenige Augenblicke später in seiner roten Weihnachtsmanngarderobe wieder zurück: „Und jetzt ab mit Euch, zu Euren Familien. Es ist Weihnachten!“

Michael und John lächelten zufrieden: „Du bist der Beste Santa!“

„Ja, ja, schon OK. Ich fliege dann mal los.“ Santa Claus verschwand durch eine kleine Tür in der hinteren Raumecke, die wohl zum Stall führte, denn als Michael und John wieder hinaus in den Schnee traten, brauste bereits Santas Schlitten, gezogen von seinen neun Rentieren durch die Nacht in den klaren Sternenhimmel und vorbei am großen Vollmond, der gerade oberhalb der Baumwipfel zu sehen war. Aber dann drehte Santa Claus noch eine Ehrenrunde und flog mit atemberaubender Geschwindigkeit in nur wenigen Meter Abstand über sein Haus hinweg und rief laut „Ho Ho Ho!“.

 Michael und John sahen dem Schlitten nach, wie er über die Spitzen der Bäume aufstieg und davonflog.

„Waren die Briefe echt?“, fragte John.

Michael grinste: „Natürlich nicht. Die Infos habe ich aus deren Benutzerprofilen bei uns.“

„Gut gemacht! Hey, und was steht da auf dem Schild, hinten am Schlitten?“ John und kniff die Augen zusammen,  um doch noch etwas entziffern zu können, aber Santa Claus war schon viel zu weit entfernt.

„Da stand: ‚Ich bremse sogar für Versandhandelsvertreter‘.“