Es war einmal ein Wölkchen
Thema:
Eine kurze Geschichte über schlechtes Wetter
Rotierende Wolke

Es war einmal ein Wölkchen, das hieß Bernd. Eines Tages zog dieses Wölkchen über die Südwest-Schweiz und dachte sich: „Hey, was für ein schöner See da unten liegt. Ist ja geradezu ein Postkartenmotiv. Ich wünschte mir, ich wäre nicht so allein hier und jemand könnte diese tolle Aussicht mit mir gemeinsam genießen.“

Da kam Gerda des Weges. Sie war schon recht vollgesogen und dunkel gefärbt. Also sprach sie Bernd an: „Hallo du, Wölkchen, ich bin Gerda und wollte eigentlich mal so richtig anfangen zu regnen! Machst’e mit?“

„Super Idee! Ich bin übrigens Bernd. Meine Tropfen sind zwar noch nicht so dick und schwer, aber regnen macht immer Spaß!“

„Oh, da, sieh mal Bernd! Da kommen Peter und Heidi und die sind schon so richtig dunkel. Schmeißen wir uns doch zusammen und lassen mal ein richtiges Donnerwetter los. Was denkst Du?“

„Also ich bin dabei!“, rief Bernd. Peter und auch Heidi stimmten mit ein und schon fielen die ersten Regentropfen auf den See und kurz danach auch auf die Uferzonen und die Städte, die sich daran schmiegten.

„Wow, das macht Spaß!“, rief Heidi begeistert: „Los, geben wir volle Pulle!“

„Guckt mal: die Leute da unten!“ Bernd war begeistert: „Die fliehen vor unserem Regen, wie vor einem Erdbeben.“

„Ja, das ist lustig!“ Peter versuchte ein wenig Hagel zu produzieren, aber es gelang ihm nicht so recht.

„Sieh, mal her, Peter! So muss man das machen!“ Im nächsten Moment ließ Gerda Hagelkörner niederprasseln, die so groß waren wie Kastanien.

„Super, Gerda!“, Peter war begeistert: „Sogar die Autodächer kriegen dellen. Gratuliere!“

„Und was ist mit dem Typen da unten?“, fragte Bernd.

„Der einzelne Mann da, der trotz des Sauwetters am Ufer stehenbleibt und aus Protest den Arm hochgehoben hält?“

„Ja, Heidi, genau der!“

„Der will halt nass werden. Aber ich habe da schon eine Idee. Reib dich mal an mir!“

Bernd zögerte: „Was soll ich machen?“

„Na, dich an mir reiben. Keine Angst, wir werden dabei keine kleinen Wölkchen erzeugen, nur Gewitter!“

„Super! Na, dann los!“

Im nächsten Moment zuckten gewaltige Blitze am Himmel und schlugen hinab auf den See und aufs Ufer. Das Wasser tobte, der Sturm fegte über den Kai und die Hagelkörner zerfetzen das Laub der Uferbäume.

 „Der steht immer noch da!“, wunderte sich Peter: „Komm, Gerda, den verscheuchen wir!“

Eine Schar Blitze versengte die Uferpromenade. Sogar ein Baum fing Feuer. Die Flammen schlugen meterhoch gen Himmel.

„Wow, der Typ ist einfach nicht kleinzukriegen.“, wunderte sich Gerda: „Der steht da und bewegt sich keinen Zentimeter.“

Da zuckte Bernd zusammen und schrie: „Oh Gott, seht nur: Gott!“ Und tatsächlich: Ein sehr ärgerliches, ja beinahe finsteres Gesicht erschien am Himmel über den vier Wölkchen. Und einen Augenblick später tauchte noch ein zweites auf und fragte: „Wer von Euch war das?“

„Wir alle!“, sagte Heidi demütig: „Bitte entschuldige, Petrus.“

Dann erhob Gott seine Stimme: „Immer diese Halbstarken! Ihr könnt doch nicht so mir nichts, dir nicht ein Sauwetter loslassen, ohne Petrus oder mich zu fragen! Und dann noch mit Blitzen. Schämt Euch und verzieht Euch, aber ein bisschen plötzlich!“

Von einem Moment zum anderen klarte der der Himmel über dem See wieder auf. Die Sonne kam zum Vorschein und auch die Menschen krochen wieder auf ihren Schlupfwinkeln hervor.

„Guck dir den Mist mal an, Petrus!“, sprach Gott: „Und jetzt rate mal, wer wieder Wunder vollbringen darf, um den ganzen Dreck wieder aufzuräumen.“

„Ja, ja!“, seufzte Petrus: „Wolkenerziehung ist nicht leicht!“

 

Am nächsten Tag erschien die Zeitungsmeldung: „Plötzliches und heftiges Unwetter zog am gestrigen Nachmittag über den Genfer See. Mehrere Blitze schlugen in unmittelbarer Nähe der Freddy-Mercury-Statue in Montreux ein. Das Denkmal blieb jedoch wie durch ein Wunder unbeschädigt. God saved the Queen!“