Überdruck
Thema:
Beschreibe ein Geräusch, ohne es zu nennen.

(Achtung! Das Geräusch kommt erst ganz am Ende!)
Badezimmerfliesen

Was für eine totsterbenslangweilige Konferenz. Wen interessieren denn schon die Details darüber, welches dumme Bauelement wo auf der dämlichen Platine verlötet ist und warum?! Thermografische Bilder, Leistungsdiagramme, Zeitstandverhalten, blah, blah, blaaaaah.  Ich will nach Hause!

Langsam machen sich auch die vielen Gläser Wasser bemerkbar, die ich mehr oder weniger aus Langweile während des Vortrags getrunken habe. Dieses Druckgefühl ist unverkennbar und wird stetig stärker.

„Bevor ich zum Ende komme …“ Oh ja, diese Worte mag ich. Sie klingen geradezu wie Musik in meinen Ohren. Aber was sagt er denn da jetzt? Er will eine Übersicht über die Liefersituation, was? Nein!

Ich beginne, mein Gewicht langsam und im gleichmäßigen Rhythmus von der rechten Pobacke auf die linke zu verlagern und wieder zurück. Aber auch das hilft nicht wirklich und inzwischen ist nicht nur meine Blase vom Druckgefühl betroffen!

Die nächste Folie der Präsentation verheißt nichts Gutes. Sie zeigt eine Landkarte mit verschiedenen Produktionsstätten: „Bei genauer Betrachtung der Transportwege und Infrastruktur der …“ Oh Gott, es wird kritisch. Inzwischen befindet sich mein Hinterteil in einer permanenten, seitlichen Pendelbewegung und meine Gesichtszüge scheinen sich in einen Ausdruck des Schmerzes zu verwandeln, zumindest dem ängstlichen Blick der Dame vom Tisch gegenüber zu urteilen. Mein rechtes Bein wippt mit einer Frequenz auf und ab, die wahrscheinlich auch schon von den Seismologen im Unigebäude nebenan registriert wird.

Doch jetzt, nach schier endlosen Qualen: „Auf Wiedersehen und kommen Sie gut nach Hause.“ Ein kurzer Applaus, aber schon im nächsten Augenblick wird dieser durch das fast simultane Aufspringen der Zuhörerschaft übertönt, gefolgt von einem sich in Bewegung setzenden Massenstrom in Richtung Ausgang und Toilettenanlagen.

Ich kämpfe. Auf meinem Weg in Richtung Erleichterung gab es bereits einige Opfer, die in Stürze verschiedener Schwere verwickelt worden. Ich erreiche jedoch unbeschadet die Eingangstür, die den Strom der Kontrahenten in zwei Teile teilt: nach links die Damen, nach rechts die Herren. Ich renne um das Leben meiner Hose und bin nun fast an der Spitze der vor meinen Augen verschwimmenden Masse an Nadelstreifenanzügen angekommen.

Ein kurzer Bodycheck nach rechts und der Vertreter für passive Widerstände bleibt in der Nische der Tür zum nächsten Konferenzraum hängen. Er muss sich in seiner Position eigentlich klar sein, dass mit Widerstand zu rechnen ist.

Der Experte für Oberflächenbeschichtung läuft links vor mir, aber durch einen gezielten Tritt gegen seinen rechten Fuß, fädelt er mit seinen eigenen Beinen ein und landet spektakulär auf dem Fliesenboden, dessen Oberfläche er nun einer genaueren Analyse unterziehen kann.

Ich habe es geschafft: Ich liege an der Spitze und habe freie Bahn. Links um die Ecke, rein in den Waschraum und direkt zur einzigen Toilettenkabine. Aber meine schlimmsten Befürchtungen werden auf schmerzhafte Weise wahr, denn ich pralle aus vollem Lauf gegen die verschlossene Tür. Meiner mir nachfolgender Konkurrenz ist ein rechtzeitiges Bremsen natürlich auch nicht möglich und so werde ich brutal gegen die unter der Last ächzenden Holztür gequetscht.

Ein trockenes: „Besetzt!“ schallt aus der Kabine gefolgt vom schlimmsten Geräusch, dass es dieser Situation gibt und das, begleitet vom passenden Geruch, mir unmissverständlich klar macht: Diese Sitzung wird wohl länger dauern!