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Die Stille der Zeit
Thema:  Eine kurze Geschichte, in der die Polizei den entscheidenden Schritt zur Lösung des Falls macht

Das Pfeifen des Teekessels durchschnitt die geruhsame Stille des Nachmittags. Und auch das unaufhörliche Ticken der großen Standuhr, direkt neben dem Kamin, schien verstummt zu sein.

Paula stand langsam aus ihrem großen Ohrensessel auf, ging in die Küche und goss Tee auf: eine große Tasse Kamille, ihre Lieblingssorte. Sie stellte sie auf ihr kleines Porzellantablett, dazu eine Zuckerschüssel mit Kandis und ein Milchkännchen und ging zurück ins Wohnzimmer.

Sie stellte das Tablett auf den Couchtisch aus rötlichem Wurzelholz, der neben dem Sessel stand, setzte sich wieder und sah ins Kaminfeuer. Die Flammen verbreiteten eine wohltuende Wärme: Genau das Richtige für Paula, nachdem sie von ihrem täglichen, langen Spaziergang zurückgekehrt war.

Die Flammen knisterten, tanzten ihren unvorhersehbare Choreografie und sandten ein Luftflimmern am Kamin empor. Paulas Blick folgte ihm hinauf zu den Bilderrahmen mit Fotos vergangener Zeiten, die sich auf dem Kaminsims aneinanderreihten. 

Das Foto ihres schon vor Jahren verstorbenen Mannes Karl, das Foto ihrer Tochter Laura bei der Einschulung und das ihrer beiden Enkelsöhne, den Zwillingen Thomas und Michael bei der Taufe. Und dann war da noch das Bild von Paula mit ihren ehemaligen Kollegen und Kolleginnen am Tag ihrer Pensionierung. Es zauberte, wie jedes Mal, wenn Paula es betrachtete, ein Lächeln auf ihre Lippen.

Doch plötzlich blieb Paulas Blick an einem Detail hängen, das ihr zuvor noch nie aufgefallen war. Sie stand auf, nahm das Bild in die Hand und studierte es aus nächster Nähe. Könnte es tatsächlich wahr sein? Sie stand auf, holte eine große Leselupe und betrachtete das Bild erneut. Dann richtete sie gedankenversunken ihren Blick auf das Feuer, doch ihre Augen verloren schnell den Fokus und der Flammentanz verlor sich in Unschärfe.

Paula zog ihr Handy aus der Rocktasche: „Hallo Frank, hast du Zeit und Lust auf ein Bier? … Ja, ganz wie früher nach dem Dienst, wenn wir wieder einen Bösewicht geschnappt hatten. … Warum? Ich weiß nicht, mich sehnt es nach den guten, alten Zeiten. … Schön, gleicher Platz wie früher. … Ja, bis gleich!“

Zwanzig Minuten später betrat Frank die alte Eckkneipe, gleich gegenüber dem Polizeirevier. Paula saß an einem der Tische und winkte ihn bereits heran. Frank bestellte ein Pils am Tresen und setzte sich zu Paula an den kleinen, runden Tisch, direkt am Fenster, genauso wie früher. Der Kellner stellte Franks Pils auf den Tisch, also hob Paula ihr Glas: „Auf die Verbrecherjagd!“

„Auf die Verbrecherjagd!“, wiederholte Frank. Die beiden stießen ihre Gläser aneinander und nahmen einen ersten Schluck.

„Aber sag schon, Paula, du hast mich seit Monaten nicht mehr angerufen und auf einmal sitzen wir wieder hier, wie das letzte Mal vor zehn Jahren. Was ist passiert?“

„Warum nicht?“, erwiderte Paula und legte das Foto ihrer Pensionierung vor Frank auf den Tisch.

„Oh, der Tag war klasse. Ich weiß es noch wie heute, wir haben nur Quatsch gemacht und rumgealbert.“ Frank nahm das Foto in die Hand und betrachtete es, während es auch auf sein Gesicht ein breites Lächeln zauberte: „Das waren gute Zeiten. Nur die letzten vier Jahre, in denen du nicht mehr da warst, die waren irgendwie so stumpfsinnig. Ich habe die Tage bis zu meiner eigenen Pensionierung geradezu gezählt.“

„Fällt dir an dem Foto denn nichts auf?“, fragte Paula ruhig.

Frank betrachtete das Bild noch einmal genau: „Nein, wieso?“

„Erinnerst du dich an den ‚Schlitzer‘?“

Frank legte das Bild zurück: „Mein Gott, Paula, das ist jetzt zwanzig Jahre her. Ich weiß, dass es dich innerlich aufgefressen hat, dass wir den Kerl nicht erwischt haben. Aber er hat nun mal einfach aufgehört. Keine neuen Fälle, keine neuen Spuren. Manche Fälle bleiben eben ungelöst. Du musst das Ganze ruhen lassen. Es ist vorbei und nicht mehr deine Sache.“

Paula senkte die Stimme: „Der Typ hat sechs junge Frauen auf dem Gewissen. Die Bilder der Tatorte verfolgen mich noch heute in meinen Träumen. Das kann ich nicht einfach ruhen lassen.“

„Ich verstehe dich, aber was hat mit dem Foto zu tun?“

„Warum trägst du da Sportschuhe mit der gleichen Sohle, die der Schlitzer getragen hatte?“

Frank wiegelte ab: „Das waren Allerweltsschuhe, die seinerzeit Unzählige getragen haben.“

„Ich habe mit einer sehr starken Lupe geguckt: Die Ausbrüche an den Stollen passen perfekt. Ich habe diesen Fußabdruck so oft gesehen, dass ich ihn aus dem Gedächtnis nachzeichnen könnte.“

Frank sah Paula in die Augen, aber bereits nach wenigen Sekunden fiel sein Blick nach unten auf das halbleere Bierglas vor ihm und er atmete tief durch: „Ich war’s nicht. Ich kann es doch gar nicht gewesen sein. Wir haben den Typen doch fast auf frischer Tat erwischt. Du bist hinter ihm hergerannt, erinnerst du dich nicht? Ich war doch bei dir.“

„Also?“, fragte Paula trocken und zog das Foto auf dem Tisch langsam wieder zu sich heran.

„Also …“, Frank suchte nach Worten: „Es war mein Bruder.“

„Dein Bruder Veith?“, rief Paula.

„Leise! Ja. Ich habe damals die Schuhe erkannt. Wir hatten uns zusammen die gleichen gekauft, irgendwo im Sonderangebot. Wie du weißt, ist Veith bei einem Autounfall gestorben. Danach waren die Morde vorbei.“

Paulas wollte etwas sagen, aber ihr zitternder Unterkiefer, ließ es nicht zu.

„Ich wollte ihn einweisen lassen. Ich habe ihn in meine Wohnung eingesperrt. Ich habe alles versucht, aber ist immer wieder entwischt. Als er dann den Unfall hatte, habe ich Gott dafür gedankt!“, Frank rang nach Fassung: „Nach seinem Tod habe ich Veiths Nachlass geregelt und seine Wohnung aufgelöst. Es war das reinste Chaos, auch in meiner Wohnung: Seine Sachen, meine Klamotten, dabei muss ich die Schuhe wohl verwechselt haben. Ich hatte sie seinerzeit auch bewusst nie im Dienst getragen, aber an diesem Tag hatten wir uns ja alle ein wenig verkleidet. Da hatte ich es wohl vergessen. Der Fall lag ja auch schon fast zehn Jahre at Acta.“

„Dann hast du damals auch die Unterlagen verschwinden lassen, die ich danach wochenlang gesucht hatte.“

Frank schwieg.

„Wie konntest du uns die ganze Zeit so hinters Licht führen. Das Blut dieser jungen Frauen klebt an dir und wird es immer tun!“

„Paula, das ist zwanzig Jahre her. Weder du noch ich sind noch bei der Polizei. Es ist Geschichte.“

Paula nahm das Foto, steckte es in ihre Handtasche und stand auf: „Für mich nicht!“

Frank erwiderte nichts. Er sah Paula nach, wie sie aus der Kneipe ging, bevor die Blaulichter der Streifenwagen vor der Tür seine Augen durch das Fenster hindurch blendeten.

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