Schokolade
Thema:
Eine Geschichte auf Basis eines historischen Ereignisses.

Paul rannte los. Voller Vorfreude lief er aus der Wohnung, sprang die Treppenstufen hinunter und, da keine Tür am Hauseingang mehr vorhanden war, weiter in vollem Lauf hinaus auf die Straße. Es war ein schöner Tag: die Sonne schien vom strahlend blauen Himmel herunter und verdrängte die Kälte des Winters für ein paar Stunden aus den Straßen.

Paul jedoch war das egal. Er rannte und rannte, denn aus der Ferne hörte er bereits die Flugzeugmotoren. Um die Hausecke, über die Trümmerberge, bis hinaus aufs kleine Feld. Hier hatte sich schon eine große Schar Kinder versammelt und wartete auf die Süßigkeiten, die an winzigen Fallschirmen von den Flugzeugen herunterschwebten. Es wurde gerannt, gesprungen, gerungen und vor Freunde geschrien, wenn man eine kleine Tafel Schokolade ergattert konnte und der Geschmack, des ersten Bissens verwandelte all die grausame Realität und die Schrecken der vergangenen Jahre für ein paar Sekunden in einen kleinen Freudentaumel.

Auch Paul hatte es geschafft. Ein paar Zuckerstangen und ein Säckchen mit Schokolade hatte er gefangen und ging nun zufrieden und mit einem Lächeln im Gesicht zurück nach Hause. Doch als er das große Areal mit Trümmersteinen hinter sich gelassen hatte und gerade wieder in seine Straße einbiegen wollte, sah er auf der anderen Seite ein kleines Mädchen auf dem Bordstein sitzen. Es trug einen abgewetzten, viel zu großen, grauen Mantel und alte Halbschuhe, die mit etwas hineingestopftem Papier auf die richtige Größe gebracht worden waren. Sie sah so traurig aus, dass Paul nicht umher konnte, zu ihr zu gehen: „Hallo Du. Wie heißt Du denn?“

Das Mädchen sah zu ihm hinauf. Ihre großen Augen wirkten wie aufgeschreckt. Aber sie blieb stumm.

„Hey Du. Was ist denn los? Hast Du denn einen Namen?“

„Anna.“, sagte das Mädchen leise.

„Hallo Anna, ich bin Paul. Du siehst aber traurig aus. Was ist denn passiert?“ Paul setzte sich neben sie auf die Bordsteinkante.

„Ich möchte auch einmal ein Stück Schokolade abgekommen, aber habe bisher nie etwas fangen können. Ich wohne bei meiner Oma, und da gibt es nur immer das gleiche Zeug, was mir überhaupt nicht schmeckt.“ Anna ließ ihren Blick wieder auf den grauen Asphalt vor ihr fallen.

„Bei uns gibt es auch immer nur dieses komische Essen aus Pulver und so. Vor drei Tagen hatte meine Mutter aber mal Glück und hat richtige Kartoffeln bekommen und Brot. Das war lecker. Mein Vater hatte früher eine Bäckerei, weißt Du? Die war gleich da vorn.“ Paul zeigte mit ausgestrecktem Arm die Straße entlang: „Der hat so tolles Brot gebacken … Aber das Haus steht nicht mehr und mein Vater ist immer noch nicht zurückgekommen. Er war im Krieg, weißt Du?“

Anna antwortete nicht und auch aus Pauls Gesicht war plötzlich alle Freude über die heutige Süßigkeitenbeute verschwunden.

„Hier Anna!“ Paul reichte ihr das Säckchen mit den Schokoladenstückchen: „Das habe ich heute gefangen. Das und ein paar Zuckerstangen für meine Schwester. Da ist richtige Schokolade drin. Du kannst sie haben. Ich fange morgen bestimmt wieder welche.“

Anna sah Paul an und ihr Gesicht wollte, konnte aber vor Überwältigung gar nicht strahlen. Erst als sie ein Stückchen aus dem Beutel nahm, es auswickelte und ein wenig davon abbiss, traten ihr die Freudentränen in die Augen: „Danke Paul! Danke! Das ist so lieb von Dir. Und das ist ja so lecker.“

Jetzt war auch Paul wieder fröhlich und sogar ein kurzes Lachen huschte über seine Lippen.

„Paul, komm mit, ich zeig Dir mal, wo ich wohne!“

„Na gut!“

Anna stand auf und lief voran: ein Stück die Straße hinunter, über einen Trampelpfad zu einem Trümmerhaufen und hinauf bis auf die Spitze: „Siehst Du? Da vorne in dem Haus mit dem abgebrochenen Schornstein wohne ich.“

„Da in der Nähe haben wir früher auch gewohnt. Da wo der andere große Steinhaufen ist. Aber das Haus ist vor ein paar Monaten eingestürzt.“

Aber Anna lief einfach weiter. Sie kletterte über die aufgeschütteten Steine hinab bis zu einem alten Kopfsteinpflasterweg. Paul konnte ihr kaum folgen, so schnell war sie. Doch als auch er unten angekommen war. Sah er plötzlich einen Mann auf dem Weg stehen, nur etwa 30 Meter entfernt. Anna stand vor Schreck wie angewurzelt da und auch Paul lief ein kurzer Schauer über den Rücken.

Doch dann hörte er die Stimme des Mannes, die ihn regelrecht erzittern lies: „Paul?“ Diese Stimme kam ihm so vertraut vor, aber er konnte sie nicht zuordnen: „Paul, bist Du das?“

Der Mann kam auf Anna und ihn zu, doch jetzt erkannte er ihn: „Papa? Papa?“

„Papa!“

Paul rannte los.