Schlagfertigkeit
Thema:
Eine kurze Geschichte über einen Arbeitstag deines Protagonisten
Holztrommelset

9.00 Uhr morgens, Ich betrete das Studio.

„Hallo Tom, alles klar?“ Tontechniker Marco begrüßt mich mit einer kurzen Umarmung.

„Ja, und bei Dir?“

„Alles bestens. Wenn du deinen Krempel aufgebaut hast, sag kurz Bescheid, dann packe ich die Mikros dran. Ich gehe erstmal Kaffee kochen.“

„Geht klar Chef!“ Gott sei Dank habe ich meine Drums schon gestern hergebracht. Und es ist auch gut, dass noch keiner von den anderen da ist. Sonst wollen die wieder helfen und ich hasse es, wenn jemand an meinen Sachen rumfummelt. Mein Schlagzeug, mein Aufbau! 

Gesagt, getan: Bassdrum zuerst, die Toms, die … Wo ist das Stativ für die Snare? Gestern habe ich alles fein säuberlich griffbereit gelegt: Fünf Stative, vier für die Cymbals, eins für … es ist weg!

Vielleicht habe ich es gestern im Auto vergessen. Also gehe ich raus und sehe nach: Tatsächlich, es liegt im Kofferraum. Wie konnte ich das übersehen? Na, egal!

Inzwischen ist Marco mit dem Kaffee wieder da. Nun ja, also frisch gekocht schmeckt er am besten. Außerdem ist mein Koffeinlevel extrem niedrig. Pause.

Okay. Snare steht, jetzt die Cymbals … Noch das Stativ für das Crash und … NEIN! Sch… Die Schraube für den Fuß dreht durch.

„Marco, habt Ihr irgendwo noch ein Stativ für Overheads?“

„Nö. Ist was kaputt?“, schallt es über die Speaker im Aufnahmeraum, aber die Lautstärke ist falsch eingestellt. Als Resultat pfeift jetzt mein rechtes Ohr.

„Stell mal das Talkback leiser, Mann!“

„Okay.“, Marco steht bereits neben mir und sieht sich das Problem am Stativ an: „Stopf da doch einfach ein bisschen Papier rein und dann hält das Gewinde schon.“ Ohne meine Antwort abzuwarten, setzt er seine Pläne in die Tat um. Langsam bewegt er die Schraube. Mit jeder Umdrehung tritt mir mehr Schweiß auf die Stirn. Dann ein Knacken: Marco hält den Griff der Flügelschraube in der Hand. Der Rest steckt abgebrochen im Gewinde fest.

Langsam reichts mir: Da hilft nur Kaffee!

Ich fahre zum großen Instrumentenladen in der nächsten Stadt. Es ist nicht weit, kein Problem.

Über eine Stunde später bin ich wieder zurück im Studio. Ein Unfall auf der Autobahn, Stau, wie sollte es anders sein. Zumindest steht jetzt alles und Marco installiert die Mikros. Zeit für einen Kaffee!

Inzwischen sind Rudi, der Produzent und Sven, unser Bassist und Songschreiber da: „Hi Tom!“ begrüßt mich Rudi: „Spiel mal vor, was Ihr bis jetzt habt!“

Ich erkläre die Situation, alles klar. Und jetzt kann’s losgehen. Ich setze mich an mein Instrument und atme einmal tief durch. Stöcke in die Hand, Kopfhörer auf: Ich bin schlagfertig.

Ich lege los und lasse es gleich richtig krachen: Grooviger Beat, Overhead-Salve, JA!

„Hey, hey, langsam!“ ruft mir Marco über die Kopfhörer in die Ohren: „Erstmal die Mikros testen und einpegeln. Du kennst das doch!“

„Ja, aber ich wollte mal Frust ablassen.“

Na schön. Mikros testen. Alles scheint okay zu sein. Aber Marco ist nun mal Perfektionist und mit Rudi an seiner Seite dauert die ganze Prozedur gefühlte 500 Stunden.

„Mittagszeit. Ich hab‘ Hunger!“, ruft Sven.

Stimmt. Ich auch. Es muss schnell gehen. Eine Currywurst um die Ecke, zurück ins Studio, Kaffee! Und wer kann schon mit nur einer Tasse vernünftig Drums spielen? Ja, ich weiß: Ich hatte schon vorher welche, aber die zählen nicht mehr.

Ich sitze wieder an den Trommeln. Jetzt noch der Soundcheck mit dem gesamten Set. Marco legt mir das Pilot vom ersten Song auf die Ohren: Ich spiele los. Nach ein paar Sekunden bricht Rudi ab: „Tom, zieh‘ mal das Fell von der Snare nach.“

Na schön, kein Problem. Fell nachgezogen. Neuer Soundcheck.

„Tom, das war’s nicht. Wie alt ist das Fell?“

„Keine Ahnung, nicht so alt. warum?“

„Da ist was nicht in Ordnung, mach mal ein neues drauf.“

Na, wie schön, dass ich keins da hab: „Marco, hast Du … ach vergiss es!“

Autobahn, Instrumentenladen, zurück. Auf der Autobahn war zwar kein Stau mehr, aber der Wahnsinn tobte trotzdem. Ich brauch‘ Kaffee!

Neues Fell auf die Snare, Soundcheck. Dieses Mal läuft alles gut.

Jetzt endlich: Aufnahme. Ich spiele den ersten Song. Nach einer Minute bricht Rudi ab: „Tom, du bist nicht im Timing!“

„Ja? Sorry! Machen wir nochmal. Dreh mal den Kopfhörer etwas lauter.“

Ich starte einen neuen Versuch. Dieses Mal kommt der Abbruch schon nach einer halben Minute.

„Tom, was ist los?“

„Wieso?“, schreie ich zurück. Ich drehe langsam durch.

„Du spielst nur Mist. Komm her und trink 'nen Kaffee!“ Gesagt, getan.

Ich sitze wieder an den Drums. Meine Hände zittern vor Stress. Aber egal: Los geht’s.

Der erste Schlag trifft das Splash. Der Drumstick prallt zurück, verlässt meine Hand und fliegt direkt in mein rechtes Auge.

Klinik, Notaufnahme. Durch die Fenster des Wartezimmers hindurch kann ich den Eingang vom Instrumentenladen sehen, zumindest mit dem linken Auge. Die Leute gehen daran vorbei, aber alles läuft wie in Zeitlupe ab. War was in der Currywurst? Ich gehe rüber zum Automaten und hole mir einen Kaffee. 

Der Arzt leuchtet auf meine Netzhaut: „Hmm, Ihr Augenlied zuckt ständig. Leiden Sie in letzter Zeit unter besonderem Stress?“

Ich schreie zurück: „NEIN. ES WAR NUR EIN GANZ NORMALER TAG!“