Paula, die Henriette hieß
Thema:
Eine kurze Geschichte, in ein besonderer
Gegenstand eine Rolle spielt
Vintage E-Gitarre

Seit Tagen regnet es in Strömen. Die Welt da draußen scheint menschenleer und öde. Auch im Fernsehen gibt es nichts brauchbares, wie immer. Eigentlich wäre ich jetzt beim Joggen, aber stattdessen hänge ich hier im Sessel und zappe sinnlos durch die Kanäle.

Doch was ist das? Hat es tatsächlich an der Tür geklingelt? Mühevoll stemme ich meinen Körper in die Senkrechte und schlurfe zur Tür: Tatsächlich: Draußen steht ein Mann mit einem Gitarrenkoffer.

„Hallo! Mein Name ist Heiko, vom Tonstudio unten an der Gabelung.“

„Ja, das kenne ich. Da hat mein Vater oft aufgenommen, als er noch lebte. Aber komm doch rein! Ich darf doch ‚du‘ sagen, oder?“

„Klar.“, Heiko kommt herein und stellt den Gitarrenkoffer ab: „Die Band deines Vaters hat vor zwei Monaten bei uns aufgenommen und wir hatten währenddessen einen Wasserschaden. Bei dem Equipmentchaos ist eine Gitarre dein Vaters abhanden gekommen. Aber jetzt haben wir sie wiedergefunden. Stell dir vor, sie war …“
Mein Puls rast bereits. Ich scheide Heiko das Wort ab: „Ist sie das?“

„Ja, das ist sie. Ich weiß, dass dein Vater vor ein paar Wochen verstorben ist. Also bringe ich sie dir.“

Ich kriege kein Wort heraus.

Heiko seufzt: „Es ist wirklich ein Jammer: Dein Vater war ein begnadeter Gitarrist. Er war ja auch oft als Studiomusiker für andere Künstler unterwegs.“

„Ja ich weiß. Und er hat wirklich mit den ganz großen zusammengespielt.“ Es ist hart, nicht in Tränen auszubrechen.

Heiko sieht hinunter auf den schmucklosen Koffer, der neben ihm auf dem Boden steht: „Halte sie in Ehren. Ihr Sound hat so manche Scheibe zum Erfolg gebracht!“

„Danke Heiko! Ich schaue bei Gelegenheit mal bei Euch vorbei!“

„Jederzeit!“ Heiko dreht sich um und geht wieder hinaus in den strömenden Regen.

Ich betrachte den Koffer aus respektvollem Abstand und gehe einmal um ihn herum, als wäre er aus einer anderen Welt. Mein Vater liebte diese Gitarre und hatte das Studio verflucht, als sie sie im Chaos irgendwo „vergraben“ hatten. Und nun steht sie hier.

Ich atme tief durch, nehme den Koffer und gehe hinunter in mein kleines Homestudio im Keller. Licht an, Hauptschalter an, Verstärker an. Der gewohnte leichte Brummten ist zu hören. Den Koffer lege ich vorsichtig auf den Boden und öffne ihn langsam: Da ist sie. Mein Vaters alte ‚Paula’ von 1960. Er hatte sie Henriette genannt. Er sagte immer, der Name hätte etwas adliges.

Schön sieht sie aus. alt, mit abgenutztem Lack, aber bereit für ein Abenteuer. Also nehme ich sie aus dem Koffer, schließe sie an und drehe langsam die Lautstärke hoch.

Aber bevor ich loslege, wandert mein Blick hinauf an die Studiowände, an denen alte Konzertposter meines Vaters hängen und auch jede Menge Bilder von ihm mit den ganz großen der Musikgeschichte und auf vielen ist auch Henriette zu sehen. Unzählige Alben hat er auf ihr eingespielt und ihr Sound hat Millionen begeistert.

Der erste Ton. Wow, ich kenne diesen Sound. Er hat mich durch meine Kindheit begleitet und mich irgendwie auch zum Musiker gemacht.

Ein wenig Blues, ein wenig Jazz, Henriette scheint Spaß zu haben. Langsame Soli, schnelle Läufe: Henriette antwortet auf alles, was ich ihr vorgebe. Ein kleiner Schauer läuft über meinen Rücken.

Ich schalte auf Distortion, maximale Verzerrung. Henriette zeigt ihre böse Seite: Was da aus den Lautsprechern zu mir rüberfetzt, ist schwer in Worte zu fassen. Jetzt packt sie mich und läßt mich richtig Gas geben. Ich spiele wie im Rausch. Aus dem Augenwinkel heraus sehe ich meinen Vater, der neben mir steht und mich am Bass begleitet, ja ich kann ihn fast hören.

Mein Herz rast, ich habe Gänsehaut. Jetzt spiele ich ein paar der alten Songs meines Vaters an, die Klassiker seiner Band.

Ich kann meine Tränen nich zurückhalten. Henriette verstummt. Ich ziehe das Kabel heraus und lege sie wieder in ihren Koffer.

„Ich danke dir, Vater!“ sage ich einfach nur in den Raum hinein.

Dann schalte ich das Equipment ab und stelle Henriette zu meinen anderen Gitarren.

„Schlaf gut!“, sage ich noch, schalte das Licht ab und gehe wieder nach oben.

„Ach Schatz, hast Du Besuch?“ Meine Frau ist inzwischen von der Arbeit zurück.

„Nein, wieso?“

„Du hast da unten geredet.“

„Ach ja, das war nur eine alte Freundin, die zu mir gekommen ist.“

Paula2.jpg