Im Schnabel des Raben
Thema:
Eine kurze Geschichte über eine Familienfeier
Church Interior

„Wir haben uns hier versammelt, um unseren geliebten Heinrich …“ Der Pfarrer musste kurz husten.

„Wir haben uns hier …“ Wieder ein Huster.

„Wir …“ Dieses Mal war es ein regelrechter Hustenanfall: „Bitte entschuldigen Sie mich einen kurzen Moment.“, sagte der Pfarrer mit heiserer Stimme und hochrotem Gesicht. Dann verschwand er in einen kleinen Nebenraum hinter dem Altar.

Ein leichtes Raunen ging durch die Reihen der Trauergäste, bevor wieder andächtige Stille eintrat.

„Was der wohl hat?“, flüstere Helene ihrer Schwester Birgit zu, die zu ihrer Rechten saß.

„Keine Ahnung. Zurzeit geht’s ja um. Ich denke, dass unser Vater sich auch irgendwas eingefangen hat und das hat dann diesen Herzinfarkt ausgelöst.“

„Ach Quatsch, diesen Infarkt hatte er nur, weil er die Hand nicht von der Rotweinflasche losbekommen hat. Und du hast ihm auch noch eingeredet, das sei gesund.“

„Jetzt mach aber mal halblang!“ Birgits Stimme wurde lauter: „Erstens ist das kein Quatsch und zweitens habe ich ihm nichts eingeredet. Rotwein ist gesund und außerdem hatte Vater kein anderes Vergnügen mehr im Leben, als ab und zu ein Glas zu trinken.“

„Schon wieder Quatsch! Du faselst nur Blödsinn heute! Der hatte doch jede Menge Freunde, mit denen er …“

Helene konnte nicht ausreden, denn Rudolf, Birgits Mann, schnitt ihr das Wort ab: „Kannst du bitte aufhören, ständig meine Frau zu beleidigen! Du hast es sowieso nötig.“

„Und du lass gefälligst meine Frau in Ruhe!“, mischte sich Norbert, Helenes Mann, ein.

„Na, du solltest erst recht den Mund halten!“, erwiderte Rudolf laut, so dass wieder ein Raunen durch die Reihen der Kapelle ging. Aber Rudolf hatte gerade erst begonnen: „Als wenn Euch Heinrichs Tod so ungelegen käme!“

„Sag das nochmal!“, Helene sprang auf.

„Na, Ihr habt Euch doch von Heinrich sponsern lassen, wo es nur ging: Wohnung, Auto, sogar beim Benzin hat er Euch finanziert. Und jetzt, wo Ihr wieder einen neuen Wagen braucht, hat er Euch den Geldhahn zugedreht. Und alleine könnt Ihr Euch keinen leisten oder finanzieren. Kein Wunder, wenn du so einen Taugenichts in die Familie einheiraten lässt.“

Jetzt sprang auch Norbert auf und wollte sich zu Rudolf durchdrängeln, aber Birgit hielt ihn zurück.

„Wir sehen uns nachher draußen!“, rief Norbert aber seine Worte gingen im allgemeinen Tumult, der inzwischen unter den Trauernden entstanden war, unter.

Doch plötzlich öffnete sich die Eingangstür der Kapelle, begleitet von einem markerschütternden Quietschen, dass die Zahnfüllungen der Gäste erzittern ließ.

Eine große Gestalt in einem schwarzen Kapuzenumhang kam herein und ging langsamen Schritts in Richtung des Sargs, der vor dem Altar aufgebahrt war. Es herrschte gespenstische Ruhe. Nur das Aufschlagen der Stiefelsohlen der Gestalt auf den marmornen Boden hallte von den Wänden wider wie Hammerschläge auf einen Amboss.

Vor dem Sarg angekommen, blieb die Gestalt stehen und hob die Arme wie zwei Schwingen in die Luft. Im nächsten Moment öffnete sich der Sargdeckel.

Einige Trauergäste schrien auf vor Schreck, blieben aber auf ihren Plätzen sitzen.

Doch dann erhob sich eine große, grinsende Holzpuppe aus dem Sarg, die aussah wie die eines Bauchredners aus den 30er Jahren. Sie drehte den Kopf in Richtung der Gäste und öffnete den Mund:

„Reingelegt! Reingelegt! Reingelegt!“, sagte eine piepsende Stimme, wie aus einem Zeichentrickfilm.

Die Gestalt warf die Kapuze nach hinten und drehte sich um: Es war Heinrich, der mit einem breiten Lachen im Gesicht dastand in die entsetzten Gesichter der Gäste seiner eigenen Trauerfeier sah:

„Und ihr dachtet wirklich, ich sei tot, he? Fehlanzeige! Ich wollte nur mal sehen, was Ihr nach meinem Ableben so anstellen würdet und ich muss sagen: Ich hatte mir das schon gedacht. Seit meine Gerda vor zehn Jahren von mir gegangen ist, gibt es nur Zoff und Hass in dieser Familie. Übrigens: Die ganze Veranstaltung hier dient auch der Vorbereitung meines Testaments. Jetzt weiß ich, was ich da reinschreibe! Aber freut Euch nicht zu früh: Ich stecke zwar schon halb im Schnabel des Raben, aber ich habe vor, noch mindestens 30 Jahre durchzuhalten. Und nun verschwindet! Ihr geht mir alle auf den Sack!“