H(a)i, da bin ich!
Thema:
Eine kurze Geschichte bei der ein besonderer Besuch eine Rolle spielt
Wellen

Eines Nachmittags saß Monika vor dem Fernseher und verfolgte mit Begeisterung eine Dokumentation über die Meereswelten vor der australischen Ostküste, als es an der Tür klopfte. Monika stand auf und öffnete. Draußen stand ein etwa 1,80 Meter großer Fisch aufrecht auf seiner Schwanzflosse und mit den Seitenflossen stütze er sich am Türrahmen ab.

Monika stand mit offenem Mund da und traute ihren Augen nicht.

„Hi!“, sagte der Fisch und grinste, so dass sich Monika in seinen blanken, riesigen Zähnen spiegeln konnte, und sagte „Hi!“

„Auch Hi!“, mehr fiel Monika in diesem Moment nicht ein.

„Darf ich reinkommen?“

„Okay.“, antwortete Monika vorsichtig.

Der Hai sprang geschickt auf seiner Schwanzflosse in Monikas Wohnzimmer und warf sich auf das Sofa: „Schön hast du’s hier. Oh, und diese Doku, die da gerade im Fernsehen läuft: Da habe ich mitgespielt!“

„Aber wie kommt es, dass du …“

Der Hai nahm Monika die Frage aus dem Mund: „Dass ich hier einfach so rumlaufe? Nun ja, ich habe gedacht, ich probier’s mal. Und siehe da: Es funktioniert! Den ganzen Quatsch, den dieser Darwin da erzählt hat, ist alles Käse, wenn du mich fragst.“

„Monika hielt einen gebührenden Sicherheitsabstand und fragte zögerlich: „Kann ich dir vielleicht etwas zu trinken anbieten, oder zu essen?“

„Wenn du ein Rindersteak hättest, blutig?“

„Nein, Rindersteaks sind gerade aus.“

„Oder Fisch, aber bitte nicht gefroren?“

„Habe ich leider auch nicht.“

„Na dann nichts, danke, ich muss sowieso gleich weiter. Übrigens: Mein Name ist Five und ich bin hier, um mich bei dir zu entschuldigen.“

„Five?“

„Ja. Nummern sind beliebte Namen bei den Haien.“

„Und wofür möchtest du dich bei mir entschuldigen?“

„Das ganze ist so:“ Five holte tief Luft, dass seine Kiemen wackelten: „Ich bin bei den anonymen Süßwassersüchtigen. Und ein Schritt in meiner Therapie ist, dass ich mich bei allen entschuldige, die durch mich … na du weißt schon.“

Monika setzt sich auf einen der beiden Sessel im Wohnzimmer: „Ich kann‘s mir vorstellen.“

„Kannst du dich erinnern: Du bist im Urlaub gewesen, an der Gold Coast. Als du im Meer geschwommen bist, ist eine Rückenflosse neben dir aufgetaucht und du hast dich fast zu Tode erschreckt.“

„Ja sicher kann ich mich daran erinnern.“

„Nun ja, das war ich. Also bitte entschuldige mein plötzliches Auftauchen.“

„Ist schon Okay. Entschuldigung angenommen! Ich lebe ja noch!“

„Schön, aber wenn ich gerade mal hier bin … Ich weiß: Du bist kein Meckerkasten für die gesamte Menschheit, aber ich möchte trotzdem was loswerden.“

„Nur zu!“, sagte Monika und lehnte sich zurück.

„Ihr Menschen fresst uns den ganzen Fisch weg, dass muss sich ändern. Da gab es Zeiten, da musste ich Plankton fressen, stell dir das mal vor: Plankton, wie diese dämlichen Wale mit ihren hässlichen Barthaaren, statt Zähnen. Furchtbar. Ganz zu schweigen von dem ganzen Zeug, dass ihr ins Meer kippt: Plastik, Öl und was weiß ich noch alles.“

„Ich esse aber nur sehr selten Fisch.“, versuchte sich Monika zu rechtfertigen.

„Ich meine das ja auch im Allgemeinen. Ihr werft riesige Netze aus: Schleppnetze, Treibnetze, ich weiß gar nicht was sonst noch für Netze. Aber warte mal: ich habe mal gehört, dass ihr auch soziale Netze habt. Stimmt das? Was ist das denn?“

„Na ja, das sind keine richtigen Netze, wie du sie kennst. Wir haben fast alle einen Zugang zu einem elektronischen Computernetzwerk, genannt Internet, und tauschen da Informationen aus. Und in den sozialen Netzen unterhalten wir uns mit Freunden, schreiben Nachrichten und so.“

„Wie furchtbar!“ Five hielt sich die Flosse vor die Augen: „Gott sei Dank gibt es so was bei uns nicht. Das wäre das reiste Chaos: Die blöden Schildkröten mit ihrem Geblubber, ganz zu schweigen von diesen Möchtegernprofessoren von Delfinen. Ach, und die Oktopusse würden versuchen alles mit ihrer eigenen Tinte zu schreiben, so doof sind die. Und die Makrelen erst, diese öligen, schmierigen Nichtskönner!“

„Na dann sei doch froh, dass du im Ozean lebst, ohne Internet.“

„Bin ich auch! Aber nun muss ich weiter. Im Nachbarort wohnt ein Typ, dem ich fast mal in den Fuß gebissen hätte.“ Five sprang mit einem gekonnten Schwung auf und hüpfte zur Tür: „Tschüss Monika! Schön dich mal wiederzusehen. Und wenn du das nächste Mal an der Gold Coast bist: Nicht erschrecken, Okay?“

„Okay!“ Monika stand auf und öffnete dem Hai die Tür.

„Bis dann!“ Five hüpfte hinaus, durch den Vorgarten und weiter die Straße hinunter.

Monika schloss die Tür hinter sich und atmete tief durch: „Jetzt brauch ich erstmal ein Glas Wasser!“