Gipfel
Thema:
Eine Geschichte in der eine Landschaft eine Rolle spielt

„Da sind wir!“ Stefanie kletterte die letzten Meter empor, bis auf das schmale Steinplateau des Berggipfels.

„Gott sei Dank!“, stöhnte Felix, der noch ein paar Meter weiter unterhalb nach der nächsten Trittmöglichkeit suchte: „Diese elendige Kraxelei hat ein Ende!“

„Jetzt meckere nicht, die Aussicht von hier oben ist wahnsinnig schön.“

„Ich hoffe!“ Felix Stimme klang vor Anstrengung gequetscht: „Sonst wäre ich auch stocksauer.“ Doch dann hatte auch er es geschafft. Der letzte Höhenmeter lag hinter ihm und vor ihm die märchenhaft schöne Aussicht auf die Vorgebirgs-Ebene mit all ihren kleinen Dörfern, Seen und Flüssen. Am Horizont war eine große Stadt zu erkennen und auch der Dunstschleier, der über ihr thronte, wie eine alles erdrückende und kontrollierende Macht. Aber hier in den Bergen war all dies nur weit weg und die Sonne flutete ungehindert ihr Licht über diese atemberaubende Landschaft aus schroffen Felsen, Schneefeldern und den wenigen Grasbüscheln, die hier und da versuchten, der Höhe zu trotzen.

„Na, hab‘ ich Dir zu viel versprochen?“, fragte Stefanie, während ihr Blick weiter versuchte, jedes winzige Detail auf der sich vor ihr ausbreitenden Ebene zu erfassen.

„Ist schon eine schöne Aussicht, keine Frage. Aber warum mussten wir ausgerechnet auf DIESEN Gott verdammten Berg klettern und haben uns nicht einfach irgendeinen ausgesucht, auf den wir mit einer Seilbahn hochfahren konnten?“

„Seilbahn? Das Klettern ist doch das Tolle. Und vor allem kommst Du so an Orte, die eben nicht vom Massentourismus überrannt werden. Sieh‘ Dich mal richtig um. Wir sind allein.“

Felix antwortete nicht. Stattdessen ließ er seinen Blick herumschweifen: von der Ebene aus zu den hohen Nachbarbergen, über als schmale, felsige Tal, bis zum Gipfelkreuz schräg hinter ihm. Alles schien unberührt und geradezu zeitlos. Und es war ruhig, so ruhig, wie es Felix noch nie erlebt hatte. Nur ein paar leichte Windgeräusche und ab und zu der entfernte Schrei eines Steinadlers drangen an sein Ohr.

Stefanie setzte sich auf Boden, atmete tief durch und richtete ihren Blick wieder auf die scheinbar endlose Ebene, mit der so weit entfernten Stadt am Horizont.

Felix setzte sich neben sie, legte seinen Arm und ihre Schulter und genoss den Moment, der hier oben nie zu Ende zu gehen schien.

Erst als die Schatten länger wurden und die Felsen anfingen, im Abendlicht zu funkeln, fand Stefanie den Weg zurück in die reale Raumzeit: „Es ist wirklich so schön hier, aber wir müssen noch absteigen. Komm, Felix, gehen wir!“

„Na schön!“ Felix stand auf: „Hast Du eigentlich ein Foto gemacht?“

„Nein!“ Stefanie erschrak regelrecht: „Komm, machen wir schnell ein Selfie mit der Ebene im in Hintergrund. Aber Vorsicht: Hier geht es locker 200 Meter steil abwärts.“

Felix und Stefanie posierten vor der imposanten Kulisse, Felix hielt das Handy am ausgestreckten Arm und fotografierte.

„Super! Zeig mal!“ Stefanie nahm das Handy: „Tolles Foto. Wir beide, abseits der Zivilisation. Ach‘ und sieh mal: Hier gibt’s sogar WLAN. Dann stell ich es gleich online.