Generationen
Thema:
Eine kurze Geschichte über einen
Elternabend, der aus dem Ruder läuft
Leeres Klassenzimmer

Lehrerin Hannelore Stanlitz atmete noch einmal tief durch, öffnete die Tür und ging ins Klassenzimmer, wo bereits die gesamte Elternschaft der Klasse 1B warten sollte.

Ein freundliches Gesicht aufgesetzt und los ging es: „Guten Abend zusammen. Ich bin Frau Stanlitz. Wir haben uns ja bereits kennengelernt. Herzlich willkommen zum ersten Elternabend, hier in der Grundschule II.

Hannelore blickte in die Runde, traf aber nur auf versteinerte Mienen. Einige der Eltern tuschelten sogar miteinander. Es war fast wie im Unterricht einer echten Schulklasse.

„Also fangen wir am besten gleich an. Wie ich sehen konnte, haben inzwischen alle Kinder ihre Bücher bekommen. Das ist sehr schön.“

Ein Herr in der letzten Reihe meldete sich: „Mein Sohn Florian hat das Mathebuch noch nicht. Es war überall vergriffen. Der Laden bei mir um die Ecke hat es bestellt, aber es kommt wohl erst übermorgen.“

„Florian … Es tut mir leid. Ich habe nach so kurzer Zeit die Namen der Kinder noch nicht im Kopf.“, antwortete Hannelore: „Aber Übermorgen reicht vollkommen. Kein Problem. Haben sonst alle ihre Materialien?“

Tiefes Schweigen im Raum. Die Eltern der Erstklässler saßen auf den winzigen Stühlen, mehr gequetscht als komfortabel, und starrten Hannelore an.

„Gut, dann jetzt zu einem ernsteren Thema: Gleich zu Beginn haben sich bei einigen Kindern Verhaltensprobleme gezeigt. Das beginnt mit dem Diebstahl der Tafelkreide und geht bis zum Terrorisieren und Schlagen der Mitschüler. Um nicht zu sagen: Es haben sich bereits richtige Gangs gebildet. Und immer dabei ist der kleine Frank. Sind Franks Eltern heute Abend hier?“ Hannelore sah in die Runde, aber niemand reagierte: „Also nicht. Dann muss ich da wohl einen gesonderten Termin vereinbaren. Aber zurück zum Thema: Attacken gegen Mitschüler sind in keiner Form tolerierbar. Stellen Sie sich nur vor: Der kleinen Anna ist letztens sogar ein ganzes Haarbüschel ausgerissen worden.“

„Was? Meiner Anna?“, schrie eine Frau, die direkt am Fenster saß: „Sie hat gar nichts gesagt. Das werde ich mir gleich ansehen.“ Sie sprang auf und rannte aus dem Raum.

„Mir wurde auch von einigen Kindern berichtet, dass Klappmesser mit in die Schule gebracht worden sind. Ich selbst habe zwar keine gesehen, aber ich kann mir das schon vorstellen.“ Hannelore wurde lauter: „Das kann doch eigentlich nicht wahr sein! Ich bitte Sie eindringlich, Ihre Kinder morgens auf Waffen zu durchsuchen, bevor noch etwas passiert.“

Betretenes Schweigen im Raum. Aber Hannelore fing gerade erst an:

„Und das ständige Reden, das Werfen mit Gegenständen auf mich, dieses permanente Ablassen von Blähungen während des Unterrichts. Wie soll ich da den Kindern etwas beibringen? Versuchen Sie das mal bei dem Gestank und dann noch gegen die Geräuschkulisse, wenn sie gerade dabei sind, Wurfgeschossen auszuweichen!“

Hannelore lief inzwischen, wie ein Zootier im Käfig, ständig vor der Tafel hin und her, schrie mit hochrotem Gesicht vor sich hin und würdigte die Elternschaft keines Blickes: „Es gibt sogar einen Wettbewerb, wer mir wie oft unter den Rock guckt! Wo gibt’s denn sowas? Da gibt’s schon richtige Ranglisten die per Handy unter allen Kinder ausgetauscht werden. HANDYS SIND HIER VERBOTEN!“

Hannelore atmete schwer: „Dann haben die einen Farbeimer auf der Tür platziert, wie die das auch immer angestellt haben. Als ich in die Klasse ging, bin ich von oben bis unten mit blauer Farbe übergossen worden. Die Kinder haben dann noch Fotos von mir geschossen. SO ETWAS KANN ES DOCH GAR NICHT GEBEN!“

„Aber Frau Stanlitz …“ meldete sich eine Frau mit dünnem Stimmchen aus der ersten Reihe: „Meine Hannelore hat aber nie etwas von solchen Dingen erzählt.“

„Hannelore? Ihre Tochter heißt Hannelore? Daran würde ich mich erinnern. Das ist ja auch mein Name. Aber warten Sie …“ Hannelore fuhr ein kalter Schauer über den Rücken und sie wurde kreidebleich: „Das ist doch hier der Elternabend der Klasse 1B, oder?“

„Nein, der 1A. Die Eltern der 1B sind ein Stockwerk höher.“, meldete die Frau.

Hannelores Stimme zitterte: „Aber wieso kenne ich Sie dann … Na klar! Von der Einschulung! Frau Wagner von der 1A war krank und ich habe vertretungsweise die Einführung mit Ihnen gemacht, einen Tag nach meiner Klasse.“

Hannelore schnappte ihre Tasche und rannte mit einem kurzen: „Bitte entschuldigen Sie!“, aus dem Raum.

Im nächsten Moment brach schallendes Gelächter unter den Eltern aus.

„Mann, die haben wir schön verarscht!“ rief ein etwas korpulenter Mann, der in der Mitte des Raums saß und sich vor Lachen auf die Schenkel schlug.

„Hey!“, meldete sich eine Frau aus der letzten Reihe: „Die Fotos mit der Farbe habe ich gar nicht gesehen. Kann die mir einer schicken?“