Gedankenspiele
Thema:
Eine kurze Geschichte, bei der auf einer

Party ein alter Röhrenfernseher implodiert
TV-Fernbedienung

Roland kam eilig in die Küche. Er nahm sich ein Bierglas und zapfte sich ein frisches Alt am kleinen 20-Liter-Fässchen, das Timo für die Party besorgt hatte. Zufrieden und in Feierlaune ging er dann zurück ins Wohnzimmer und mischte sich unter die Gäste. Viele seiner Freunde waren gekommen und so rutsche er mit Schwung ins Vergnügen, unterhielt sich, lachte, alberte mit den anderen herum und tanzte gelegentlich sogar ein paar kleine Schritte zur Musik.

Aber auch ein paar Gäste waren gekommen, die Roland noch nicht so gut kannte und dabei war auch Claudia, die er bereits ein paar Male auf Timos Partys gesehen hatte. Jedoch fand er nie den Mut, sie anzusprechen, obwohl sie ihm, so glaubte Roland, schon einmal ein kleines Lächeln zugesandt hatte. Ihre hellen Augen, ihre roten, zu einem kurzen, buschigen Pferdeschwanz gebundenen Haare und vor allem ihre Natürlichkeit hatten sich in seinem Gedächtnis festgesetzt. Und auch jetzt, als er Claudia dort neben Timo stehen sah, bemerkte er, wie sein Herz schneller schlug. 

Aus den Lautsprechern tönte „It’s a kind of magic“, als Roland bemerkte, dass er sein Glas inzwischen leergetrunken hatte. Also ging er wieder in die Küche, holte sich ein neues Bier und wollte wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, als plötzlich Claudia direkt vor ihm stand.

„Hallo, du bist Roland, richtig?“

„Ja, genau!“ Rolands Stimme zitterte.

„Ich bin Claudia. Ich habe gerade mit Timo über übersinnliche Phänomene gesprochen und er sagte mir, du seist sozusagen ein Experte bei dem Thema.“
„Na ja, Experte ist vielleicht zu viel gesagt, aber …“ Rolands Puls raste.

„Ich interessierte mich brennend dafür. Vielleicht kannst du mir ein paar Sachen erklären. Komm, setzt wir uns da hinten auf die Couch.“

„Na gut!“ Roland ging hinter Claudia her ins Wohnzimmer und setzte sich vorsichtig neben sie.

„Also, ich habe da ein Buch über Telekinese gelesen und es soll da mehrere Menschen auf der Welt geben, die das tatsächlich können, Gegenstände mit Hilfe der Gedanken zu bewegen.“, begann Claudia, setzte dann aber wieder ihr Lächeln auf und winkte ab: „Ich glaube das irgendwie nicht so recht. Das klingt für mich alles irgendwie erfunden. Aber was meinst du?“

„Nun …“ Roland trank einen kurzen Schluck, bevor er weitersprach: „Mir wurde immer erzählt, dass mein Großvater Telekinese beherrschte.“

„Echt?“ Claudias Blick durchbohrte Roland regelrecht.

„Ja, echt! Und da sich sowas ja auch vererbt, versuche ich das jetzt auch ab und zu.“

„Hast du es schon einmal geschafft?“

„Nein. Na ja, eventuell hat sich mal das Blatt einer Pflanze bewegt, die ich versucht habe, nur mittels meiner Gedanken anzuheben. Mehr aber noch nicht.“

„Ist ja spannend!“ Claudias Augen schienen fast aufzuleuchten. „Versuch es doch nochmal. Bewege mal die Blätter des Ficus dahinten in der Ecke.“

„Ach, das klappt doch sowieso nicht.“, wiegelte Roland ab.

Aber Claudia ließ nicht locker: „Na, versuch es doch einfach, mir zu Liebe!“

„Na schön!“ Roland stellte sein Bierglas auf den Couchtisch vor ihm, richtete seinen Blick auf die Zimmerpflanze im Eck neben dem Kamin und konzentrierte sich. Ein paar Sekunden später ging ein leichtes Rauschen durch die Blätter des Ficus.

„WOW!“, rief Claudia: „Hast du das gesehen? Du hast die Blätter bewegt! Mach’s nochmal!“

Roland runzelte nur die Stirn, unternahm aber sofort einen zweiten Versuch. Wieder rauschten die Blätter, dieses Mal sogar stärker als zuvor.

„Timo, schau mal!“ Claudia sprang auf, lief zu ihm und zog ihm am Arm aus seiner Gesprächsrunde heraus: „Roland hat mit Telekinese die Blätter von der Pflanze da bewegt.“

„Käse, der tut doch nur so.“ Timo wollte sich wieder seinen Freunden zuwenden, aber Claudia zog ihn weiter bis zur Couch: „Los, Roland, zeig was du kannst!“

Roland konzentrierte sich, die Blätter rauschten.

„WOW!“, schrie Timo: „IRRE! Los Leute, schaut mal her. Roland hier kann per Telekinese die Blätter vom Ficus bewegen!“

Die Partygäste kamen herbei und beobachteten mit einer Mischung aus Spannung und Unglaube Rolands nächsten Versuch. Wieder gab es Blätterrauschen, dieses Mal jedoch gefolgt vom tosenden Applaus des Publikums.

Rolands Herz raste. Er wagte es nicht in die Menge zu sehen und schon gar nicht zu Claudia. Seine Gedanken drehten sich wie ein Strudel und ließen seinen starr auf den Boden gerichteten Blick den Fokus verlieren, während sein Atem nach Sauerstoff rang.

„Roland, los, nächste Aufgabe!“, sagte Timo: „Siehst du die kleine Lampe auf dem Kamin? Versuch sie anzuschalten!“

Roland plumpste zurück in die Raumzeit: „Die da hinten? Ja, okay, warte!“ Roland konzentrierte sich und im nächsten Moment erstrahlte das Licht der Lampe und erhellte den Raum mit einem scheinbar magischen Leuchten.

„Das gibt’s doch nicht!“, rief Timo in den frenetischen Jubel der Partygäste hinein. Claudia setzte sich wieder neben Roland und brachte sein Herz mit einer spontanen Umarmung fast zum Explodieren.

„Leute, macht mal Platz!“ Timo ruderte wild mit den Armen, bis der Blick durch die große Terassentür hindurch auf den Garten frei war: „Roland, draußen, neben der Terrasse ist ein Schuppen. Da drin steht mein alter Fernseher. Noch ein altes Röhrenteil, bei dem der Trafo kaputt ist. Bring ihn zum Laufen, aber direkt von hier aus!“

Roland sah Timo mit versteinertem Blick an: „Bist du irre? Das schaffe ich nicht.“

„Na klar schaffst du das. Und dann rufen wir das Fernsehen und die Zeitung und sonst wen. Los gib Stoff!“

Roland atmete tief durch, trank sein Bierglas leer, stellte es wieder ab und schloss die Augen.

Zehn Sekunden später erschütterte ein Knall das Wohnzimmer und ließ die Partygäste zusammenzucken. Schlagartig kehrte Ruhe ein.

Timo öffnete vorsichtig die Terassentür, trat langsam hinaus, atmete durch und warf einen Blick in den Schuppen: „Die Bildröhre ist implodiert!“

Die Partygäste kamen herbeigelaufen und drängelten sich vor der Schuppentür, um einen Blick auf die Szene zu erhaschen. Auf dem Boden lagen unzählige Glasscherben und wo einst die Mattscheibe des Fernsehers war, gähnte nur noch ein großes Loch.

Jetzt hielt es Roland nicht mehr auf der Couch. Er sprang auf und jubelte: „Ich kann es! Ich kann es tatsächlich! Ich kann Telekinese! YEAH!“ Er hüpfte herum wie ein kleiner Schuljunge und rannte schließlich hinaus und die Straße hinunter, wobei er unentwegt rief: „Ich habe Licht gemacht!“

Im diesem Moment brachen Timo und Claudia in schallendes Gelächter aus. Aber Timo fing sich schnell wieder, ging in die Mitte des Wohnzimmers und rief: „Alle mal herhören. Das war alles nur Fake. Hinter dem Ficus ist ein kleiner Lüfter versteckt, den ich mit einer Fernbedienung, die ich hier in meiner Hosentasche habe, einschalten kann. Das gleiche mit der Lampe. Da habe ich Empfänger eingebaut, der ein Relais betätigt. Und der alte Fernseher war natürlich auch präpariert. Das war Rache für Rolands letzten Aprilscherz, als er mir mitten in einer Vorlesung erzählt hatte, dass jemand mein Auto geklaut und einen Horrorcrash damit gebaut hätte. 

Schallendes Gelächter in der Menge. Aber dann meldete sich Claudia zu Wort. Sie stand neben dem Kamin und ihr Gesicht war kreidebleich: „Schaut mal!“ Sie hielt ein Kabel mit einem Netzstecker daran nach oben: „Die Lampe war gar nicht angeschlossen!“