Fridolin
Thema:
Eine kurze Geschichte, über ein
verlorengegangenes Kuscheltier
snuggly Teddy

Langsam und vorsichtig stieg Frida die wenigen Stufen zu ihrer Wohnung hinauf. Sie öffnete die Tür und wollte gerade hineingehen, als ihr Mann Udo ihr entgegenkam: „Frida, wo warst du so lange? Ich habe mir schon Sorgen gemacht.“

„Spazieren! Nur weil ich jetzt offiziell 80 bin, heißt das nicht, dass ich nicht das schöne Wetter genießen und spazieren gehen kann.“

„Sicher kannst du das, aber du hast doch dein Telefon, das du mitnehmen kannst. Du hast es wieder hier liegenlassen.“

„Ich mag diese Dinger eben nicht.“

„Aber es ist sicherer.“

Udo reichte Frida ihr Handy, aber sie nahm es nicht: „Das kann ja sein, aber jetzt lass mich doch erstmal reinkommen.“ Frida zog ihre Schuhe aus, ging ins Wohnzimmer und setzte sich aufs Sofa: „Du, ich muss dir was erzählen.“

Udo legte das Handy zurück auf die Kommode im Flur und schlurfte langsam in Richtung Wohnzimmertür: „Willst du einen Tee oder Kaffee? Ach, und ich habe vorhin Kuchen im Supermarkt gekauft.“

„Bis du Kaffee gemacht hast, ist es Nacht. Jetzt setz dich mal her und hör zu.“

„Hey, ich bin alt, aber nicht taub!“ Udo kannte diese kleinen Seitenhiebe seiner Frida schon seit über 60 Jahren. Also beließ er es dabei und tat, wie ihm aufgetragen.

„Also ich war wieder in der Karlstadt spazieren. Und da gibt’s doch diesen Antiquitätenladen mit altem Spielzeug.“

„Ja, den kenne ich. Der ist schon sehr lange da, schon, seit ich denken kann.“

„Ich bin da heute einfach mal reingegangen, wegen des Geschenks für Tristan.“

„Tristan?“

„Mann, so senil bist du doch gar nicht: Dein Urenkel!“

„Ja, ja, aber hat der schon wieder Geburtstag?“, Udo runzelte die Stirn.

„Ja, wie jedes Jahr. In dem Laden steht eine Vitrine neben der Kasse. Da drin sitzt ein alter Teddy und ich glaube, das ist mein alter Fridolin.“

„Bist du dir sicher?“

„Ja. Die junge Dame an der Kasse hat gesagt, der wäre nicht zu verkaufen. Ich müsste mit dem Ladenbesitzer reden, aber der ist erst morgen Nachmittag wieder da.“

„Also gehst du morgen wieder hin, wie ich dich kenne.“ Udo stand auf und schlurfte in Richtung Küche: „Ich hol‘ mir 'nen Kaffee, willst du auch einen?“

Frida antwortete nicht und redete stattdessen einfach weiter: „Also morgen Nachmittag gehe ich da wieder hin und gucke mal.“

Gesagt, getan: Am nächsten Tag stieg Frida wieder die drei Stufen zum Eingang des Antiquitätenladens hinauf und öffnete die Tür. Neben der jungen Dame an der Kasse stand älterer Herr in leicht gebückter Haltung, im braunen, altmodischen, aber gepflegten Anzug. 

„Hallo Sie, junger Mann!“ begrüßte ihn Frida: „Ich war gestern schonmal da, wegen des Teddys in der Vitrine.“

Der Mann drehte sich um und im nächsten Moment lief Frieda ein kurzer Schauer über den Rücken. Das faltige, aber freundliche Gesicht mit dem weißen Bart und den ebenso weißen Haaren kam ihr irgendwie bekannt vor. Aber sie konnte es nicht zuordnen, also tat Frida das, was sie dann immer tat: Weiterreden: „Junger Mann, ihre Verkäuferin hat mir gestern gesagt, dass dieser Teddy da in ihrer Vitrine nicht zu verkaufen wäre. Aber ich glaube das ist mein alter Teddy Fridolin. Das ausgefranste Ohr und die roten Nähte an den Füßen da: Das ist er bestimmt! Ich hatte ihn bei einem Umzug verloren.“

Die Augen des Mannes wurden immer größer und musterten Fridas Gesicht bis in den kleinsten Winkel. Dann stammelte er: „Frida? Sie sind Frida Kampmann, richtig?“

Frida wurden die Knie weich. Die Stimme des Mannes katapultierte sie zurück in ihre Kindheit: „Onkel Hans?“

„Frida, du bist es tatsächlich!“ Hans liefen bereits die Tränen über die Wangen, als er Frida fest in seine Arme schloss.

„Nur, dass ich jetzt Rüttgen heiße. Aber mein Gott, Hans, so lange Zeit!“

„Fast siebzig Jahre müssen es sein!“ Hans wollte Frida gar nicht mehr loslassen.

„Ich weiß es noch genau. An meinem zwölften Geburtstag hast du mir Fridolin geschenkt.“

„Genau. Und am nächsten Tag bin ich nach Amerika gegangen. Frida komm, gehen wir nach hinten und trinken einen Kaffee. Ich will doch alles wissen.“

Hans nahm Frida bei der Hand und begleitete sie ins Büro. Die beiden setzen sich und Ruth, die Verkäuferin, brachte ihnen Kaffee. Frida erzählte von Ihrer Hochzeit mit Udo, von ihrem Leben in Frankreich, ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln und von der Rückkehr in ihre Heimatstadt Düsseldorf von zehn Jahren.

„Du hattest ein schönes Leben, Frida.“, sagte Hans und trank seinen Kaffee aus: „Ich bin in der Welt rumgetingelt: Amerika, Bolivien, Japan, schließlich Australien, Melbourne, um genau zu sein. Da habe ich meine Debby geheiratet, eine Möbelfirma aufgebaut und ein kleines Vermögen gemacht. Als meine Debby dann verstarb, hatte ich erst keinen Lebensmut mehr, aber genug Geld, um das zu tun, was ich immer wollte. Also bin ich vor zwei Jahren zurück nach Düsseldorf gekommen und habe diesen Laden hier gekauft. Ich mochte dieses Geschäft schon immer und jetzt ist es meins.“

„Du hast mit 90 Jahren nochmal einen Laden gekauft? Respekt, Hans.“

„Na klar. Warum nicht. Ich habe noch viel vor und ich bin noch gut in Schuss. Als ich den Teddy seinerzeit im Laden gesehen hab, bin ich fast durchgedreht. Ich erkannte ihn sofort an den roten Nähten. Die habe ich selbst gemacht, damit er schöner aussieht.“

Hans und Frida sahen sich eine kleine Weile stumm an und ließen die Zeit Revue passieren. Dann stand Frida auf: „Ich muss jetzt los, sonst wird Udo wieder nervös vor Sorge. Morgen kommst du zu uns und dann erzählen wir mal richtig.“

„Das machen wir. Komm, ich begleite dich zu Tür.“

Als Hans und Frida wieder in den Verkaufsraum zurückkamen, stand eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter vor der Vitrine. Die Kleine betrachtete den Teddy mit großen Augen.

Frida drehte sich zu Hans um und dieser nickte nur kurz.

„Das ist mein alter Teddy gewesen, weißt du?“, sagte Frida dem kleinen Mädchen: „Und jetzt ist er deiner. Ich schenke ihn dir. Er hat mir viel Glück gebracht im Leben und mir meinen Lieblingsonkel wiedergegeben. Pass gut auf ihn auf. Er heißt Fridolin!“ Frida gab der Kleinen den Teddy, den Ruth bereits aus der Vitrine genommen hatte.

„Danke! Ich bin Helene und das da ist meine Mama. Ich werde gut auf Fridolin aufpassen. Er ist so süß.“

Das kleine Mädchen und ihre Mutter verließen den Laden. Und Frida glaubte zu sehen, wie Fridolin, den Helene fest im Arm hielt, ihr zum Abschied zuzwinkerte.