Die Flucht
Thema:
Eine kurze Geschichte, über ein Sommergewitter
Lange leere Straße

Der Motor brummte, der Autobahnasphalt flog unter Danielas Auto hinweg und ließ die LKW-Kolonne auf der rechten Spur fast wie aufgereihtes Spielzeug am Fenster des Wagens vorbeiziehen.

„Fahr nicht so schnell!“ Holger erhob mahnend seine Stimme.

Daniela grinste: „Angst?“

„Nein, du verbrauchst nur unnötig Sprit und gefährlich ist es auch.“

„Na schön, Angsthase. Das waren zwar nur 150, aber wenn es deinem Nervenkostüm guttut, dann fahr ich eben nur 130.“

Holger sah aus dem Beifahrerfenster. An den Bergkämmen südlich des Chiemsees tummelten sich dicke schwarze Wolken: „Da braut sich was zusammen, wie ich’s vorhin gesagt habe. Wir fahren mitten ins Unwetter.“ Holgers Stimme wurde lauter.

Daniela ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen: „Wir fahren doch zum Königssee. Da gibt’s bestimmt ein Mikroklima und das Wetter ist super.“

„Oder auch nicht. Ich habe keinen Bock, im strömenden Regen am Ufer spazieren zu gehen.“

„Das ist nur ein kleines Gewitter, wenn überhaupt. Das geht vorbei. Und dann ist wieder Sonnenschein.“

„Ich weiß ja nicht, auf welcher Wolke du lebst, aber ich gehe bei Regen nicht raus. Alles klar? Und jetzt dreh um.“

„Aber Holger …“ Daniela konnte nicht aussprechen.

„Und merkst du nicht, wie schwül das schon ist?“

„Dann stell halt die verdammte Klimaanlage an!“ Daniela hämmerte mit dem Finger auf den A/C-Knopf: „Wer will denn hier immer Sprit sparen?“

„Ja genau, Sprit sparen.“ Holgers Stimme überschlug sich leicht: „Jetzt dreh um und fahr nicht umsonst weiter. Das gibt’s doch gar nicht! Jedes Mal die gleiche Leier. ‚Das Wetter ist super – Wir müssen uns nur besser anziehen – Lach doch mal.‘ Ich kannst nicht mehr hören. Es regnet, also ab nach Hause. Ich muss sowieso noch was arbeiten.“

„Genau. Das ist seit langem mal wieder ein Samstag, an dem ich nicht arbeiten muss. Also versaue ihn nicht. Außerdem regnet es noch gar nicht. Wie kann man nur so viel Angst vor ein paar Wolken haben?!“ Daniela fuhr wieder schneller. „Ich will einfach nur an einen schönen, ruhigen Ort und die Zeit genießen. Ist das zu viel verlangt?“
„Ich brauche dir deinen Tag gar nicht zu versauen, das wird schon das Gewitter erledigen. Erinnerst du dich an unseren Ausflug nach Berlin? Strömender Regen! War ja nur in der Vorhersage zu lesen. Aber nein: Berlin! Ich bin 3 Tage lang durch Kaufhäuser und Museen gelatscht.“

„Ja, Museen, die waren doch super. Und ein wenig Kultur tut dir ganz gut.“

„Kultur! Drei Tage meines Lebens, die ich nicht wiederbekomme. Da vorn kommt eine Ausfahrt. Da kannst du raus und wenden.“

„Das ist ‚Bad Reichenhall‘. Da müssen wir sowieso raus.“

„Dann fahr ab und setz mich in Reichenhall am Bahnhof ab. Ich fahre bestimmt nicht zum See.“ Holger schaltete das Radio ein und drehte die Lautstärke hoch.

Der Wagen befand sich bereits auf dem Verzögerungsstreifen, als Daniela plötzlich Gas gab und zwischen den LKWs hindurch auf die mittlere Spur zog.

„Bist du irre?“, quiekte Holger: „Du bringst uns noch ins Grab!“

„Halt die Klappe!“

„Halt die Klappe? Wohin in Gottes Namen fährst du?“

„Halt die Klappe!“

„Jetzt dreh um!“

„HALT DIE KLAPPE!“ Daniela schrie so laut, dass Holger nur zusammenzuckte und sich im Sitz verkroch. Daniela schaltete das Radio aus, während sie die Landesgrenze nach Österreich hinter sich ließ.

Ein paar Minuten später wagte sich Holger wieder aus seinem Versteck: „Wo …“

„HALT DIE KLAPPE!“ Schlagartig kehrte Ruhe ein. Nur das Brummen des Motors war zu hören.

Daniela fuhr zwischen den imposanten Gipfel der Alpen hindurch, passierte die Tunnel, ließ Kilometer um Kilometer hinter sich. Holger war inzwischen auf dem Beifahrersitz eingeschlafen und schnarchte leise vor sich hin. Auch ein Zwischenstopp an der Tankstelle konnte ihn nicht wecken.

Nach ein paar Stunden führte der Weg auf der italienischen Seite des Gebirges aus den engen, bewaldeten Schluchten hinaus in die weiten Ebenen südlich der Alpen. Daniela passierte Udine, bog auf die Autobahn Richtung Venedig ab und bald schon stoppte sie den Wagen, stieg aus und atmete tief ein und aus: Vor ihr lag der Strand von Caorle. Die Luft roch nach Salz, das Meeresrauschen bremste die Zeit ab und die Sonne umhüllte sie, wie eine warme, weiche Decke.

Daniela setzte sich in den Sand und sah einfach nur auf das glitzernde Wasser. Ein paar Möwen schrieen, während sie ihre Kreise am Himmel zogen, während die Wellen sanft Danielas Fersen umspülten.

„Bist du irre?“, rief Holger, der plötzlich neben ihr stand.

„Nein, warum?“ fragte Daniela zurück, ohne ihren Blick vom Meer abzuwenden.

„Wo zum Teufel sind wir überhaupt?“

Daniela zögerte kurz, bevor sie antwortete: „Ich bin angekommen!“

„Du hast sie ja nicht mehr alle!“, sagte Holger, stampfte in Richtung Auto, stieg ein und fuhr davon.

Daniela jedoch lächelte sich selbst zu: „Und es hat die ganze Fahrt über keinen Tropfen geregnet.“