Die Besichtigung
Thema:
Eine Geschichte über eine interessante
Stadtführung in deinem Gerne
Luftaufnahme eines Häuser

„Hallo und herzlich willkommen bei unserer Stadtführung.“, säuselte Walter freundlich in die etwa zehnköpfige, bunddurchmischte Gruppe an Teilnehmern, die ihn mit erwartungsvollen Blicken ansah.

„Wir fangen gleich dieser Stelle an, denn hier wohnt die ‚lachende Lilly‘.“ Walter sah auf die Uhr: „Warten Sie …“ Plötzlich ertönte schallendes Gelächter einer Frau aus einem offenen Fenster in der zweiten Etage des alten Miethauses mit der grauen, nichtsagenden Fassade. Das Lachen ging, bevor es komplett verstummte, in eine Art Kichern über, dass wie ein kaputter Mopedmotor klang.

Die Teilnehmer der Stadtführung sahen Walter fragend an, sagten aber nichts.

„Alle 20 Minuten geht das so. Zumindest wenn Lilly zu Hause ist. Sie können ihre Uhr danach stellen.“.

Walter grinste und hoffte, dass seine Stadtführungsgruppe dies erwiderte, aber bei nicht einem Teilnehmer regte sich auch nur das leiseste Lächeln. Stattdessen fragte eine ältere Dame vorsichtig: „Ist diese Lilly verrückt? Warum macht sie das?“

„Verrückt? Ja, wahrscheinlich. Genaues weiß man nicht, aber die Leute munkeln, sie würde sich eine bestimmte Folge einer Sitcom in Endlosschleife ansehen und es scheint ihr nie langweilig zu werden. Aber gehen wir weiter!“

Walter lief los: vorbei an einem Supermarkt, einer Apotheke und einem Reifenhandel. Dann blieb er vor einem weiteren Wohnblock stehen: „Hier ist die Bude von Peter Straumer, dem einzigen Schmied in der Stadt. Aber er hat gewaltig Haare auf den Zähnen.“

„Wieso? Was macht der denn so?“, fragte ein jüngerer Mann, während er an der Hausfassade empor sah.

„Er ist Schmied, wie ich bereits sagte.“, antwortete Walter sachlich.

„Nein, ich meine das mit den Haaren auf den Zähnen.“

Walter zuckte mit den Schultern: „Die Ärzte wissen nicht genau, woher das kommt, aber man da wohl auch nichts machen.“

Der junge Mann runzelte die Stirn, fragte aber nicht weiter.

Walter lief weiter. Nach ein paar Metern blieb er vor einer Bäckerei stehen, die jedoch geschlossen war.

„Hier ist die Bäckerei von Rudolf Becker. Lustiger Name, nicht wahr? Er versteht sein Handwerk sehr gut, aber bekannt ist er in Wirklichkeit für seine Körperbehaarung. Die übertrifft jegliche Vorstellungskraft. Und leider hat das Problem nicht so ganz im Griff. Sie können an seinen Brötchen riechen, ob gerade wieder die Jahreszeit für Fellwechsel ist.“

„Das ist ja widerlich!“, schrie eine junge Frau aus der hinteren Reihe: „Gibt’s in dieser Stadt auch etwas Interessantes zu sehen?“

„Nun ja, ich wollte Ihnen noch das Haus von Stinkefisch-Gerda zeigen und von ein paar anderen Einwohnern, kommen Sie!“

Walter wollte loslaufen, aber die junge Frau ließ nicht locker: „Gibt es hier denn keine architektonischen Sehenswürdigkeiten oder Parks, vielleicht ein Kunstwerk?“

„Nein.“, antwortete Walter trocken: „Das besondere an dieser Stadt sind die Menschen. Sie machen den Charme hier aus.“

„Welchen Charme? Sie wollen uns also tatsächlich nur die Verrückten hier in der Stadt zeigen, ja?“

„Nun ja … Welchen Teil unseres Städtenamens ‚Nutsheim‘ haben Sie denn nicht verstanden?