Auf dem Hügel
Thema:
Eine Geschichte über einen Ausreißer

Michael hatte das Ende der Straße erreicht. Jetzt den Trampelpfad hinauf und endlich war er oben auf der Klippe angekommen. Von hier aus hatte man diesen wunderbaren Blick auf den Fluss und die große Brücke, die hinüber in die Stadt führte. Etwas außer Atem setzte sich Michael auf einen der größeren Steine, die hier überall zwischen den vertrockneten Grasbüscheln herumlagen, und sah hinüber zum anderen Ufer. Die spiegelnden Fassaden der Stadt glänzten in der Nachmittagssonne, während sich der Verkehr durch das weit verzweigte Netz der Straßenschluchten schlängelte. Sein permanentes Dröhnen klang wie ein Lockruf in Michaels Ohren. Auch auf der Brücke hatte sich, wie jeden Tag um diese Zeit, der übliche Stau der Pendler gebildet, die nach der Arbeit aus der Stadt zurückkamen, hierher, wo alles ruhiger war, wo man schon beim Betreten des kleinen Supermarkts mit Namen begrüßt wurde, oder mit den Worten: ‚Hier hat schon Dein Vater als kleiner Junge eingekauft.‘ Die Stadt jedoch, sie schien wild und unberechenbar.

Michael stellte seine Gitarre, die er in einer Tasche auf dem Rücken getragen hatte, neben sich ab, als ihn plötzlich ein fremder Mann ansprach: „Hey, was ist denn für eine Klampfe, die Du da hast?“

Michael zuckte zusammen: „Wow, ich hab‘ gar nicht gemerkt, dass Sie gekommen sind. Das ist nur ein Billigbrett, nicht besonderes.“

„Ja, so etwas hatte ich am Anfang auch mal. Aber Du kannst mich gern duzen, wir sind doch Musikerkollegen.“

„OK. Und was hast Du so gespielt?“

„Blues, Rock, Jazz, alles was mir Spaß gemacht hat. Und eine Band hatte ich auch mal. War eine tolle Zeit.“

„Das will auch.“, sagte Michael und leichter Glanz schimmerte in seinen Augen: „Meine Mutter will unbedingt, dass ich Automechaniker lerne. Du weißt schon: Einen anständigen Beruf. Aber ich hab‘ da einfach keinen Bock drauf. Ich will Musik machen, nichts weiter.“

Der Mann grinste: „Lass mich raten: Du bist abgehauen und willst es auf eigene Faust versuchen, richtig? Wie alt bist Du?“

„Sechzehn“, antwortete Michael zögerlich, während er auf den Boden starrte.

Der Mann lachte auf: „Ja genau. In dem Alter habe ich auch angefangen. Wir hatten eine super Band, haben in verschiedenen Clubs gespielt, die Nacht zum Tag gemacht, die Sau rausgelassen: das ganze Programm. Dann hatten wir irgendwann tatsächlich ein Angebot für einen Plattenvertrag.“

Michael blickte auf: „Ja super. Und was ist draus geworden?“

„Ein Haufen Mist: Die Hälfte der Band hat kalte Füße gekriegt und ist ausgestiegen. Den Rest kannst Du Dir denken. Heute spiele ich nur noch zum Spaß. Hauptberuflich leite ich die Autowerkstatt unten an der Ausfallstraße zur Autobahn. Aber es war trotzdem eine tolle Zeit, die ich nicht missen möchte.“

„Die Werkstatt kenne ich gar nicht.“

„Macht nix!“, sagte der Mann und lächelte: „Das wirst Du noch.“

Michael runzelte die Stirn, während die Stadt am anderen Flussufer seinen Blick wie magisch wieder auf sich zog. Inzwischen malte die tiefstehende Sonne ein gleißendes Band über den Fluss. Es fesselte Michaels Blick, während es ihn gleichzeitig blendete, bis er sich abwenden musste. Er sah sich um, aber der Mann war bereits verschwunden, ohne dass Michael es bemerkt hatte.

Also stand er auf, schulterte seine Gitarre und machte sich auf den Weg.