Am Rhein
Thema:
Eine kurze Geschichte, in der eine genaue Uhrzeit
eine Rolle spielt
Vintage Holz Uhren

„Hier haste deine Currywurst, Sven. Willste watt Pommes dabei?“

Sven griff eilig über den Tresen und riss seinem Kumpel Matthias, dem Besitzer des Imbisses an der Ecke, gleich neben Svens Büro, die Pappschale mit den Wurstscheiben aus der Hand: „Nein, ich habe keine Zeit heute. Um 13.30 Uhr ist schon das nächste Meeting. Bis dahin muss ich wieder im Büro sein.“ Sven nahm den ersten Bissen und während er ihn hinunterschlang, sah er auf seine Armbanduhr: „Scheißdreck, ich hab‘ nur noch zehn Minuten.“

Matthias runzelte die Stirn und zückte sein Handy: „Zehn Minuten? Lebst du aufm Mond oder watt? Et is 13.52 Uhr, wenn du’s jenau wissen willst.“

Svens Gesichtsfarbe verblasste in Sekunden und er begann zu zittern. Dann stammelte er mit vollem Mund: „Meine Uhr ist stehengeblieben. Oh Gott, der bringt mich um!“, bevor er den Rest seiner Currywurst hastig zurück auf den Tresen legte und losrannte.

„Jetzt nütztet auch nix mehr!“, rief Matthias, aber Sven war schon aus der Tür: „Ein Glück, dass ich nicht in so einem Laden arbeiten muss.“, murmelte Matthias vor sich hin, und markierte auf Svens Lokal-Kredit-Zettel eine weitere Currywurst ohne Pommes.

Doch plötzlich kam Sven zurück und öffnete mit nachdenklichem Blick die Eingangstür.

„Alles klar, Sven?“, fragte Matthias besorgt.

„Ja. Du hattest nur recht: Es nützt nichts mehr. Ich werde da jetzt nicht wie ein Idiot in das Meeting platzen. So wichtig ist das auch nicht. Und außerdem habe ich ja noch 10 Minuten Zeit richtig?“

„Wenn du dat sachst!?“

Sven nahm die Schale mit seiner angefangenen Currywurst, die noch auf dem Tresen stand und stellte sich in aller Ruhe an einen der runden Tische.

Matthias kam heran und legte ihm eine Schale mit Pommes Frites auf den Tisch und je eine Tüte Ketchup und Mayonnaise: „Hier: Pommes rot-weiß, jeht aufs Haus. Du hast ja noch 10 Minuten. Die Wurst han isch dir anjeschrieben.“

„Danke!“, sagte Sven mit lauter Stimme und voller Zufriedenheit, bevor er mit aller Zeit der Welt seine Currywurst mit Pommes rot-weiß verspeiste. Dann ging er seine Hände waschen und schlenderte mit einem fröhlichen: „Tschöö, bis morgen!“ aus dem Lokal.

Die Sonne schien, die Temperaturen waren angenehm und eine leichte Prise, die nach Wasser duftete, leiteten Sven hinunter an den nahegelegenen Rhein. Unzählige Möwen kreisten über der Uferpromenade, während die Schiffe auf dem Wasser schnell flussabwärts in Richtung Duisburg fuhren, oder sich mühsam flussaufwärts in Richtung Köln quälten.

Sven lief langsam in Richtung Altstadt und auf einmal war alles vergessen: Das Meeting, der nervige Chef, die Pläne, die er über das ganze Wochenende hindurch ausgearbeitet hatte.

An einem Biergarten machte er halt, setzte sich an einen der Holztische und bestellte ein Altbier, das er in kleinen Schlucken genoss, während die Sonne einen Lichtertanz auf die Rheinwellen zauberte. Sven lauschte den Rufen der Möwen, die hoch oben am Himmel ihre Bahnen zogen und beachtete dabei keine einzige der unzähligen Nachrichten, die sich, begleitet von einem kurzen Klingeln, auf seinem Handy einfanden.

Sven lief weiter. Er atmete tief ein und aus, spürte den Sommer auf jeden Quadratzentimeter seiner Haut und betrachtete mit einem Lächeln auf dem Gesicht den alten Schlossturm, oberhalb der großen Treppe, an der er vorbeilief und die hinauf zum Burgplatz führte.

Erst, als er im Medienhafen angelangt war, hielt er inne. Er nahm sein Handy aus der Hosentasche, lehnte sich mit den Unterarmen auf die Uferbrüstung und scrollte durch die Nachrichten. Die letzte von ihnen, kam von seinem Chef: „Wenn Sie sich nicht bis Punkt 15.30 Uhr gemeldet haben, werde ich Ihnen das Projekt entziehen.“

Die Uhr seines Telefons zeigte 15.29 Uhr.

Zum Vergleich sah er auf seine Armbanduhr: "Ach, ich hab' ja noch Zeit!"